DAS WAR DAS

MAHLER FESTIVAL 2021

 

Ein Rückblick von Paul Lohberger

Sommerfrische und nächtliche Klarheit

Mahler Festival Steinbach 2021

 

Was spricht die tiefe Mitternacht? – so heißt es in dem Nietzsche Gedicht, das Mahler als Text zum 4. Satz seiner d-moll Sinfonie wählte. Es eignet sich hervorragend als Klammer zum Steinbacher Mahler Festival 2021. Einerseits hatte man das Thema Sommerfrische als Motto gewählt, und Gustav Mahler hat diese dritte Sinfonie ja im Sommer in seinem Komponierhäuschen am See geschaffen, andererseits ging von Steinbach die Initiative aus, hier einen international zertifizierten Sternenpark zu einzurichten. Die gesamte öffentliche Beleuchtung wird dem angepasst, um die Lichtverschmutzung zu minimieren und den Sternenhimmel in voller Pracht wirken zu lassen – die Voraussetzungen sind hier günstig, und so kann man besser hören, was die Mitternacht uns sagen will.

 

Konkret war es auch der Auftrag für eine Ö1 Radiosendung über Attersee und Sternenpark, der mich zum Festival führte – über Mahler am Attersee hatte ich gerade erst berichtet (siehe bzw höre https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2021/05/16/gustav_mahler_am_attersee_dlf_20210516_1212_ceb510af.mp3 ). Trotzdem wurde mir beim Festival nicht fad, um es sehr salopp auszudrücken: Schon bei der Eröffnung wurde eine Art kleine Hymne für den Sternenpark präsentiert, ein Werk des Salzburger Komponist Andie Heyer (https://www.sn.at/wiki/Andie_Heyer ), das geschickt die Klangsprache Mahlers zitierte. Der stimmungsvolle Viergesang eines lokalen Ensembles beim Häuschen am See wurde leider durch ein jähes Gewitter gestört, aber das gehört auch zur Sommerfrische. So ging es also im großen Saal des Hotels Föttinger weiter: Paul Gulda wurde seinem Namen gerecht, indem er gleichermaßen virtuos und humoristisch am Klavier spielte, ideal ergänzt von der schelmischen Schönheit von Agnes Palmisano. Von Leopoldi bis zur Fischpredigt von Mahler und Gulda spannte sich der Bogen, da war man also gut eingestimmt, auch dank der intellektuellen Einwürfe von Marie-Theres Arnbom.

 

Der zweite Tag begann mit einer launigen Schifffahrt. Die Seeperspektive eröffnet den Blick auf Villen und andere Immobilien aller Epochen, die mitunter immer pompöser gestaltet werden – schön anzusehen, der Nachteil ist, dass sie zunehmend anonymen Stiftungen oder Menschen gehören, die wenig Kontakt zur Umgebung pflegen. Zwar unterschieden sich auch die Sommerfrischlinge von Mahler bis Friedrich Gulda in ihrem Gehabe wahrnehmbar von den Einheimischen, doch suchten sie durchaus Kontakt und Austausch, zogen Inspiration aus Natur und Volkskultur – die Abschottung der Oligarchie war ihnen fremd. Mahler brauchte lediglich seine Ruhe zum Komponieren, daher ja das Häuschen. Der Sternenpark hätte ihm wohl gefallen. Ihm galt der zweite Abend, schon das Liedprogramm mit der hoch konzentrierten Deidre Brenner am Klavier und dem leidenschaftlichen, fast theatralischen Bariton John Chest ließ die Texte von Wanderungen durch Natur und Nacht lebendig und allerhand Seelenpein spürbar werden (Schubert, Krenek, Mahler, Brahms im Gustav Mahler Saal in Seefeld).

 

Für die, die noch wollten, ging es gewissermaßen in die Praxis, ein geführter Spaziergang mit Clemens Schnaitl, dem Geschäftsführer des Naturparks Attersee-Traunsee (der Astrophysiker war krank), demonstrierte das Prinzip des Sternenparks: Neue Laternen leuchten nur, wo es nötig ist – nach unten, oben wirken die Sterne. Und erst, wenn es richtig dunkel ist, kann das Auge die Nuancen erkennen, in denen die Milchstraße zum plastischen Gebilde zu werden scheint – ungreifbar und doch real. Dafür ging es später noch durch einen finsteren Wald. Beim Herauskommen zeigte sich, dass der Sternhimmel tatsächlich heller ist, auch wenn kein Mond scheint. Davor gab es eine Station bei der markanten Kirche von Steinbach, die auch eine neue Beleuchtung bekommen hat. Bürgermeisterin Nicole Eder erläuterte alles vor Ort, und eine Abordnung des Orchestra for the Earth spielte Mahler in kleiner Kammermusik-Besetzung. Dazu las Morten Solvik, Vorstand der Gustav Mahler Gesellschaft, Gedichte des Komponisten und sprach über dessen Bezug zur Nacht (wie Solvik auch sonst bei den Veranstaltungen einstimmende Worte sprach): Der Blick hinauf zu den Sternen stellt die Frage nach dem Bezug zwischen Mensch und Universum im wahrsten Wortsinn in den Raum. Welche Rolle spielen die kleinen Nöte des Individuums in dieser Weite? Und doch sind die Gefühle ebenso groß – ungreifbar und doch real. Diese existenziellen Themen verhandelt Mahler in seiner Musik, beschäftigten sie ihn doch selbst unentwegt, und sie machen wohl auch den Reiz seines Werkes aus. Die romantische Schwelgerei wird zur Analyse, mal eher kosmologisch, dann wieder psychologisch – das ist der Schritt in die Moderne.

 

Etwas einfacher, aber nicht weniger spannend erscheint da die Beschäftigung mit der Sommerfrische, die am Samstag Thema einer Diskussion im Dorfzentrum Steinbach war. Über deren Wesen und Wandel sprachen Akteure aus Kultur und Tourismus unter der Leitung von Alexandra Föderl-Schmid, stellvertretende Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung. Diese musikalische Verschnaufpause bereitete den musikalischen Höhepunkt des Festivals am Abend vor, ein Konzert im großen Renaissance-Saal von Schloss Kammer: Mahlers zweite Sinfonie in einer besonderen Bearbeitung für zwei Klaviere, die noch zu Mahlers Lebzeiten von Hermann Behn erstellt wurde. Die Darbietung 2021 war die erste öffentliche Aufführung, beeindruckend präszise gespielt von Christiane Behn und Emiliano Ramniceanu. Dazu sang neben zwei Solistinnen der Bachchor Salzburg, was eine erstaunliche Wirkung entfaltete: Mahlers Musik verlor nichts von ihrer sinfonischen Wucht, die Dauer erschien nicht mehr fordernd, sondern ungewohnt kurzweilig. Vielleicht auch, weil das fokussierte Arbeiten der Pianisten so aufregend zu beobachten war. Jedenfalls wurden die Dynamiken und Strukturen offenbar, die den Klang lenken. Ähnlich verhält es sich auch mit John Warners kammermusikalischen Bearbeitungen, die bei der Matinee am Sonntag ein weiteres Mal mit der Abordnung des Orchestra for the Earth zu hören waren, nun wieder im Mahler Saal Seefeld (diesmal neben Mahler Brahms und Richard Strauss).

 

In der Reduktion offenbaren sich die Gedanken des Komponisten, so wie die Milchstraße erst erkennbar wird, wenn wir das Licht reduzieren.

 

Seefeld, 11. Juli 2021

Paul Lohberger / Ö1 & Deutschlandfunk

 

 


Wir freuen uns auf das

6. GUSTAV MAHLER FESTIVAL

7. bis 10. Juli 2022

Natalie Bauer-Lechner

Mahlers Vertraute